Die lieben Nachbarn

Über das Zusammenleben im deutschen Grenzgebiet

Nachbarn können eine große Hilfe sein, vertraut und beständig. Sie plaudern über den Gartenzaun hinweg, feiern Feste zusammen und gießen sich im Urlaub gegenseitig die Blumen. Sie können aber auch zur Qual werden: Der Teenager hört zu laut Musik, jeden Abend qualmt der Grill und die Großmutter nervt mit ihrer Neugier. Auch das Verhältnis Deutschlands zu seinen neun europäischen Nachbarn ist ambivalent. Mal wird die Völkerfreundschaft zitiert, mal liest man von Spannungen, je nachdem, welche Strategien die Politiker in den Hauptstädten gerade verfolgen. Inwiefern die beiden Völker tatsächlich zusammen gewachsen sind, das zeigt sich jedoch am besten da, wo Deutsche und ihre europäischen Nachbarn sich tagtäglich begegnen: Die Grenze ist der Gartenzaun Deutschlands.                                                                                     Text:  Renate Zöller


Niederlande

Der Niederländer Hans Roomer ist auch heute wieder aus Dinxperlo hierher gekommen „um mich zu erinnern“, sagt der 79-Jährige. Daran, wie er hier mit dem deutschen Kollegen vom Zoll zehn Jahre lang in dem Wachhaus an der deutsch-niederländischen Grenze saß. Wie sie in der Freizeit Fußball und Schach spielten, zusammen Schnaps tranken und Schmuggler schnappten. Einmal überführten sie eine Frau, die Butter in ihrem Rock eingenäht über die Grenze schmuggeln will: „Wir haben sie dann an den Ofen gesetzt.“ Er lächelt.

 

 

 

Eine Shell-Tankstelle im niederländischen De Lutte. Sie liegt direkt an der A1; Bad Bentheim auf der deutschen Seite ist nur zwanzig Autominuten entfernt. An den Zapfsäulen stehen fünf LKWs in einer Reihe. Im Verkaufsraum: Koffein-Türme auf Paletten bis fast an die Decke. Der Kaffee ist hier nur halb so teuer wie in Deutschland - das war schon so bevor sie die Schlagbäume öffneten. Damals wurde er kiloweise über die Grenzlinien geschmuggelt. Heute ist es ähnlich – nur legal.

 


Ein blau-gelbes Ortsschild: „Dinxperwick“. Die Straße in den Ort hinein ist breit und führt durch ein Wohngebiet. Doch es ist nicht ein Ort, es sind zwei, die Grenze verläuft mitten auf der Straße: Rechts liegt Dinxperlo in den Niederlanden, links Suderwick in Deutschland. Der Zweite Weltkrieg ist schuld an der ungleichenTeilung: Dinxperlo hat 7000 Einwohner, Suderwick ist kleiner, nur 1800 Menschen leben hier. Von den Klinkerhäuschen mit gardinenlosen Fenstern und detailverliebten Vorgärten geht es direkt zu den deutsch-korrekten Häusern hinter glasklaren Scheiben. Wer will, kann mit jedem Bein in einem anderen Land stehen. So einfach ist das.

 

Winfried Sieben lacht oft und gern, wenn er über das „Henese Fleck“ spricht. Er ist stolz darauf, als einer von zehn Menschen noch das Krämerlatein zu sprechen. Als Geheimsprache wird es gern bezeichnet, sicherlich auch deshalb, weil man als „Normalsprechender“ kein einziges Wort versteht. Aber dafür ist es einfach zu lernen - nur 350 Wörter bilden durch Kombination untereinander einfach gestrickte Sätze. Die Händler nutzten die Sprache schon vor 300 Jahren, um ihre Waren zwischen Deutschland und den Niederlanden zu verkaufen.

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Belgien

Neutral-Moresnet: Ein staatenloses, neutrales Gebiet auf einem Streifen von 3,44 Quadrat-kilometer. Über einhundert Jahre lang war das so. 1816, können sich Preußen und die Niederlande nicht einigen, wo sie die Grenze ziehen sollen. Der Auslöser der Streitigkeiten ist eine profitable Zinkgrube in diesem Gebiet: Jeder will vom Kuchen etwas abhaben, keiner gibt nach. Zum Schluss bleibt ein Tortenstück Land übrig, wird als neutral erklärt und von beiden verwaltet. Von 1816 bis 1919 werden hier kaum Steuern gezahlt und, weil man sich nicht einigen kann, bleiben die veralteten napoleonischen Gesetze unverändert in Kraft. In dieser Zeit gibt es weder Schul- oder Wehrpflicht noch Gerichte. Das macht dieses Gebiet nicht nur zu einem idealen Versteck für Verbrecher, auch Frauen aus Deutschland flüchten hierher, um ihr uneheliches Kind in Anonymität zu gebären: Wenn es in Moresnet auf die Welt kommt, hat es die Staatsangehörigkeit „Neutraler“ im Pass stehen.

 

Das Theater der Deutschsprachigen Gemeinschaft liegt in St. Vith, im Süden Ostbelgiens. Kurt Pothen ist künstlerischer Leiter des „Agora“, welches seine Stücke in deutscher und französischer Sprache aufführt. In T-Shirt und Jeans sieht er weniger offiziell aus als auf der Internetseite des freien Tournéetheaters. Über dreißig Jahre wirkt er schon bei „Agora“ mit. Er ist hier geboren, keine 20 Kilometer weg von St. Vith. Sein Vater war Bauer, „eine klassische ostbelgische Familie“ sind sie damals. „Bis die Grenzen geöffnet wurden und auch danach, waren es wirklich Grenzen“, meint er. Drei Kilometer vom nächsten deutschen Ort entfernt hat er gewohnt und „da war null Kontakt“. Er dreht sich eine Zigarette, raucht, ein kurzes Luftholen auf der Bank in der Sonne, bevor der Trubel für ihn losgeht. Hinter ihm im „Kulturzentrum Triangel“ werden Vorhänge aufgehängt und letzte Einstellungen geprobt: Heute Abend beginnen die Theatertage des „Agora“ mit dem Motto „In welcher Welt möchte ich leben?“ Pothen lebt inzwischen mit seiner Familie in Köln, doch er denkt nicht, dass Deutschland näher gerückt ist: „Ich glaube nicht, dass es sich heute wesentlich verändert hat, die Orientierung ist immer noch nach Osten, nach Belgien“