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Kurze Geschichten über Gefundenes


Die Geschichte vom verlorenen Schuh

Die neuen rosa Schuhe glitzern in der Sonne. Aisha liebt die Farbe Rosa. Als sie zusammen mit der Oma bei H&M ist, entdeckt sie die Ballerinas - die will ich haben! Oma kauft sie ihr. Jeden Tag hat sie nun die rosa Schuhe an. Auch als es regnet. Ständig muss sie zu ihren Füßen hinunter schauen. Sie fühlt sich mit ihnen wie eine Prinzessin, wie das Aschenbrödel aus ihrem Lieblingsmärchen. Am schönsten findet Aisha die Stelle, als der Prinz den Schuh auf der Treppe findet und ihn Aschenbrödel anzieht. Denn danach wird alles gut.

 

Aisha ist gerade mit Mama unterwegs. Sie ist lieber ganz still, denn heute morgen haben die Eltern gestritten. Als danach die Haustür ins Schloss fällt, geht Aisha ins Badezimmer. Mama sitzt in der Ecke und blutet aus der Nase. Sie weint. Heute sagt sie nicht, dass es nicht so schlimm ist, sondern, dass Aisha jetzt ganz schnell ihre Sachen in den kleinen rosa Koffer packen muss. Beeil Dich! 

Aisha zieht die rosa Glitzerschuhe an, packt Rüssel ein, den rosa Elefanten und ihr Lieblingskleid, das mit den rosa Tupfen. Mama hat die Reisetasche schon in der Hand. Ganz schnell verlassen sie die Wohnung, hasten über die vielen Treppen hinunter ins Freie. Mamas Hand zieht sie unerbittlich weiter. Aisha kann nicht so schnell, außerdem muss sie ganz schrecklich. Sie stolpert, fällt auf die Knie. Dabei verliert sie einen Schuh. Sie weint. Ich muss mal, sagt sie unter Tränen. Auch das noch! Mamas Augen haben etwas Gehetztes. Sie hebt Aisha hoch und schmeißt danach das Tempo ins Grün. Schnell, weiter! Mama greift ihre Hand und zieht sie hinter sich her. Mein Schuh, mein Schuh, ruft Aisha verzweifelt. Wir müssen auf die Bahn, Aisha, verschwinden, ganz schnell. Er darf uns nicht einholen, darf uns niemals finden, sonst... Ich kauf Dir Neue.

 

Aisha weint noch als sie in der Bahn sitzen. Dann ist sie plötzlich ganz ruhig. Sie denkt an Aschenbrödel und an den Prinz, der ihren Schuh findet. Denn dann wird alles gut.


Das zauberlose Einhorn

Die Mama hat gesagt, mein Einhorn hat Zauberkräfte. Also habe ich jeden Morgen nach dem Aufwachen zu dem Einhorn gesagt: „Liebes, liebes Einhorn, heute wünsche ich mir ganz viel Schokolade!“ Das hat leider nur einmal geklappt. Da habe ich mir gedacht, so ein Einhorn kann ja nicht jeden Tag magisch sein und zaubern. Vielleicht hatte es auch einfach keine Lust, hab’ ich ja auch manchmal nicht. Zum Beispiel abends ins Bett zu gehen oder Spinat zu essen. Also habe ich mir gewünscht, dass der Papa früher von der Arbeit kommt und mir vor dem Zubettgehen noch eine Geschichte vorliest. Danach streichelt er mir immer über den Kopf und gibt mir einen Kuss auf die Nase. Das ist schön. Aber auch da hat das Einhorn nicht gezaubert, der Papa kam überhaupt nicht, die ganze Woche nicht. Ich hab dann etwas Böses getan und hab dem Einhorn gesagt, es soll meinen kleinen Bruder wegzaubern. Der zieht mich nämlich immer an den Haaren und hat mir schon dreimal das Einhorn geklaut. Aber auch der war am nächsten Morgen immer noch da. Das finde ich total blöd, dass das Einhorn nicht zaubern will. Und so schön ist es ja auch nicht. Ich bin jetzt böse mit dem Einhorn und will es nicht mehr haben. Das Einhorn soll wieder in den Wald zurück. Wo es hingehört.


Das Paket des Herrn Gargowitsch

Herr Gargowitsch ist nicht zuhause. Der Paketbote stellt das Paket in den Hauseingang. Drei Tage steht es dort. Ein Bewohner nimmt es mit, hoch in den zweiten Stock, stellt es vor die Tür des Herrn Gargowitsch. 

 

Das Haus hat Herrn Gargowitsch schon lange nicht mehr gesehen. Schon früh um sechs Uhr drehe sich sonst geräuschvoll der Schlüssel im Schloss, würden die Bewohner des zweiten Stocks sagen, wenn man sie fragte. Doch sie werden nicht gefragt. Noch nicht. Niemand habe je gesehen wie der Mann mit den weißen langen Haaren das Haus verlasse, würden sie berichten. Sonst hätten sie bemerkt, dass der Herr Gargowitsch zwei große, gefüllte Plastiktüten in der Hand trage und in gebückter Haltung über die Straße gehe. Langsam laufe er, ganz langsam, hätten sie gesagt und sich vielleicht darüber unterhalten, was er mit dem Inhalt dieser Tüten mache. Was wohl darin sei. Wohin er denn gehe. Aber sie haben nicht darüber gesprochen. Nicht über ihn, noch über sonst irgendeinen Bewohner des Hauses. Denn sie reden nicht miteinander.

 

Manch’ einer sah Herrn Gargowitsch vielleicht dann, wenn er zur Mittagszeit wieder vor dem Fahrstuhl stand, hörte wie sich dann im zweiten Stock der Schlüssel im Schloss drehte.

 

Niemand kann sagen, wo Herr Gargowitsch jetzt ist. Nur dass seit langer Zeit ein großes Paket vor seiner Tür steht, das sehen die Bewohner des Hauses.


Einsteins Glück

Ich hinterlasse Nachrichten, male auf Steine, schreibe Botschaften auf Papier und verteile sie in der Stadt. Ich bin ein Getriebener, muss der Welt mitteilen, was ich zu sagen habe. Manchmal wird es so groß in mir, bis es mich ganz ausfüllt und ich zu platzen drohe. Die unendlich vielen Gedanken springen in meinem Kopf hin und her, sprudeln über wie die Milch im Kochtopf. Dann schreibe ich sie auf Luftballons, bis dort kein Platz mehr ist und lasse sie steigen. Erst dann wird mein Kopf wieder frei von der Fülle. 

 

Ich finde die Gedanken anderer, mache sie zu meinen, lasse sie in mir wirbeln bis der Strudel sich auf einen Punkt konzentriert. Dann weiß ich, was richtig ist und bringe es in die Welt. Nachts, wenn die Fenster dunkel sind gehe ich durch die Straßen. In meiner Hand halte ich die Schaukelpferde und Feuerwehrautos meines Gedankenkarussells. Wenn ich sie fallen lasse, fühle ich mich wie ein Magier, der etwas aus dem Ärmel zaubert. Ich stelle mir vor, wie sie gefunden werden. Jemand bleibt stehen, bückt sich etwas hinunter, um besser lesen zu können und ich sehe wie sich auch sein Gedankenkarussell in Gang setzt. 

 

Manchmal lege ich mich auf die Lauer, warte Stunde um Stunde bis etwas passiert. Dann kommt ein alter Mann, der den Kopf schüttelt und weiter geht. Ein kleines Mädchen steckt meine Nachricht ein. In meiner Fantasie zeigt sie den Zettel zu Hause ihrer Mutter. Dann springt der Gedanke von einem zum anderen, setzt sich für einen kurzen Moment auf die Schulter, um dann weiter zu fliegen.


Der Affe Sonderbar

Mist. Das ist jetzt mal echt blöd gelaufen. Jetzt lieg ich hier und komm nich’ mehr weg. Da macht sich auch keiner Gedanken, wie man als Stofftier so ne Situation wieder unter Kontrolle kriegt. Weggeworfen. Ausgesetzt. Tschüss. Auf Nimmerwiedersehen. Ich denk noch, PASS AUF! Du kuckst in den Himmel, da fliegt grade so’n blöder Vogel über Deinen Kopf weg und Du bist abgelenkt. Was passiert natürlich: Ich flieg’ aus der Karre, nur weil DU fasziniert die Hand nach oben reißt und auf den doofen Vogel zeigst. Nicht mal bemerkt hat das IRGENDJEMAND. Hey Leute, HAALLOO – ICH BIN WEEG!!! Alle sind wie wild am Quatschen, Frühlingsgefühle nennt man das wohl. Aber nur weil die Krokusse sprießen heißt das ja noch lange nicht, dass man komplett die Kontrolle über seine Körperteile verlieren muss, über seine Hand zum Beispiel. Klar, ist ja auch nur so’n blöder Affe. Ja, ja. Wenn ihr wüsstet. Ich bin nicht bloß so’n graues, abgenutztes Äffchen. Ich bin der Affe Sonderbar. Ja, da staunst Du, was? Aber das ist nicht nur so’n Name, da ist auch was dahinter. Ich kann, kann Dinge, da wundern sich die Leute, jawohl! Ich kann nämlich genau der Freund sein, den jeder braucht, genau der Richtige eben. Der schweigend zuhört, keine doofen Rückfragen stellt, die eh’ keinen interessieren. Der im richtigen Moment da ist, wenn sonst wieder mal keiner da ist. Der versteht ohne über irgendwas Bescheid zu wissen und tröstet ohne nach dem Grund zu fragen. Nenn’ es magisch, nenn’ es sonderbar, nenn’ es wie Du willst, aber so ist es eben mit mir. Ich bin halt ’n echt be-sonderbarer Affe und so was WIRFT MAN VERDAMMT NOCHMAL NICHT AUS DER KARRE!!!


Der unsichtbare Feind

Sie hat sich verändert. Sie ist stiller geworden. Von den Freunden kommen kurze Textnachrichten: „Ich denk an Dich“ und „Wie geht es Dir“? Inzwischen hasst sie diese Frage. Es ist so einfach nicht anzurufen, denkt sie. Man macht es sich leicht, riskiert nicht das Falsche zu sagen. Doch manchmal könnte sie eine Stimme brauchen, ein Lachen, etwas, das sie ablenkt. Damit ihre Gedanken nicht ständig um die Krankheit kreisen, wie auch die Fragen, welche weiter unbeantwortet bleiben.

 

Ihr ist bewusst, dass der Tod näher gekommen ist. Er ist kein abstraktes Gebilde mehr, denn für sie ist er jetzt wahrscheinlicher. Davor dachte sie, dass sie und ihr Körper eins sind, glaubte ihn gut zu kennen. Sie nährte und bewegte ihn gut, gab auf ihn acht. Doch jetzt ist er ihr fremd geworden. Ihr Körper führt ein Eigenleben. In ihm wuchert etwas, das macht was es will. Und sie kann wenig dagegen tun. 

 

Sie beschließt, weiter gut für ihren Körper zu sorgen, denn es ist das Einzige, was sie tun kann. Sie will wenigstens etwas noch in der Hand haben. Sie kauft ein Paar Inliner. Bewegen, atmen, sich fühlen, dass ist es was sie jetzt braucht. Als sie die Rollschuhe in der Hand nach Hause trägt, löst sich ein Etikett von der Verpackung. Sie bemerkt es nicht, sonst hätte sie den rosa Zettel sicher aufgehoben. Dann hätte sie gelesen, dass sie mit dem Kauf dieser Fitness Skates die Breast Cancer Research Foundation unterstützt. Das hätte ihr gefallen.


Die Perlenkette

Weich fühlen sich seine Finger an. Wie sie mich anfassen, genau wissend was zu tun ist. Neben mir liegen andere, ihre Kälte erfasst mich, lässt auch mich kalt werden und starr. Bewegungslos verharre ich in der Reihe, ohne zu wissen, was als Nächstes geschehen wird. 

 

Da gibt es einen Ruck: Schwebend geht es für alle nach oben, nur um bald darauf ganz weich zu landen. Dann wird es dunkel. Die Zeit scheint endlos, vergeht ohne Tag und Nacht. Nichts geschieht. 

 

Plötzlich, ein gleißendes Licht und schon Sekunden später werde ich vorsichtig berührt. Finger gleiten über mich hinweg. Die Haut am Nacken ist warm und weich. An diesem Ort könnte ich ewig sein. Eine ganze Weile trägt mich dieser Hals.

 

Ganz unvermutet kommt der tiefe Fall, immer weiter und weiter geht es hinab. Die Landung ist hart. Um mich herum ist Gras, unter mir Erde. Es ist nass und kalt. Ameisen krabbeln über mich hinweg – ist es so, das Ende? Doch noch einmal hebt man mich auf und ich fühle  kühlen, harten Stein.