gedankensturm

Was uns umtreibt, im Kopf spukt, keine Ruhe lässt. Wenn sich Gedanken verwirbeln und Knoten bilden im Kopf, ist es Zeit ihnen Raum und Beachtung zu schenken. Hier.


Was vom Leben übrig blieb

 

Auf dem Bett liegt noch Deine Hose, zum Lüften ausgebreitet. Das war Dir wichtig, Räume mussten gut durchgelüftet werden, genauso wie Kleidung und Einkaufstaschen. Wenn Du die Zipfel Deiner Bettdecke in beide Hände genommen und geschüttelt hast war das eine Zeremonie wie auch der mehrmalige, tägliche Gang zum Briefkasten. Routine und Rituale. Sie halfen Dir, der Lebensliebhaberin, das Leben zu über-leben. Spät in der Nacht, vor dem Zubettgehen, hast Du am Küchenfenster gestanden. Von hier konntest Du den Flughafen sehen, glitzernd, flimmernd, die Positionslichter der Flugzeuge, wie sie starten und landen. Du hast gewartet bis ein Auto auf der Straße vor dem Haus vorbei fuhr, dann bist Du ins Bett. Jeden Tag. Immer.

 

Es ging alles zu schnell. Ein unerwartetes Sterben. Kann man den Tod erwarten?

 

Eine Woche vorher in der Krankenhauskantine: Weiße Kittel, Kaffee und eine Brezel. Den Morgen erwarten und dass Du Dich gewaschen hast. Die ersten Tage liegst Du nur im Bett und schaust auf das Bild an der Wand, wo Du in den Wolken und Farbflächen Gesichter und Körper siehst. Willst nicht die Zeitung lesen, so wie sonst jeden Tag. „Ich gebe mich der Situation hin“, sagst Du. Jeder legt die Schiene um Deinen gebrochenen Ellenbogen anders an, manchmal ist es zu eng. Du erzählst es bei den täglichen Besuchen. Die Visite der Ärzte belustigt Dich: „Die Herren mit Gefolge rauschen durch.“ Du hast Glück, wenn sie das Wort an Dich richten. Wer schlecht hört, wird übergangen, ist nicht so wichtig, die Alte versteht ja sowieso nichts. Das macht Dich traurig, oft. Du hattest Dir eine Strategie überlegt, um damit umzugehen: Wenn Du immer redest, brauchst Du die anderen nicht zu verstehen. Deine Freundinnen sagten oft, dass sie nicht zu Wort kommen bei Dir. Doch an manchen Tagen hast Du kein Wort gesprochen.

 

Sie sagen, es war eine Thrombose. Ein kleines Blutgerinnsel, das sich unglücklich seinen Weg gebahnt hat. Ganz genau weiß es niemand und es ist jetzt auch nicht mehr wichtig. Du fehlst.

 

Der Platz um den Tod zu ver-arbeiten ist Dein antiker Sekretär mit der spärlichen Beleuchtung einer wackelnden Lampe. Am Fenster stehen fünf Orchideen wie stumme Zeugen in ihren Töpfen. Auf Deine Orchideen warst Du stolz und auf jede Pflanze, die Du mit Deiner Pflege vor dem Sterben gerettet hast. In der Küche lebt noch der abgebrochene Trieb einer lila Orchidee in einer kleinen Flasche. „Beginne den Tag mit einem Lächeln und einem knusprigen Brötchen.“ steht auf dem Frühstücksbrett daneben. Kleine Aufmunterer, wie auch das Schild „Make it better“, das unter der Spülbürste baumelt.

 

Den Tod organisieren mit Beerdigungsinstitut und Pfarrer. Sterbeurkunde kopieren, Versicherungen kündigen und Deine Telefonliste durchgehen. Erstaunlich - doch so viele, die Dich kannten. Und doch immer wieder die gleichen Worte zu fremden Menschen.

 

Die Spurensuche beginnt.

 

Das Bad. Ein Zeitungsausschnitt, sechs Bilder mit Gesichtsgymnastik, mit Tesafilm geklebt an die altrosa Fliesen. Dein Bademantel und die rosa Duschhaube hängen an der Wand als hättest Du sie gerade ausgezogen. Im Schlafzimmer steht noch der Kasten mit Fotoabzügen auf dem Bett. Vielleicht hast Du nach etwas gesucht. Du hattest Deine Biographie angefangen, in einem schwarz-weißen Ordner. Darin Texte, die Du auf weiße Blätter geklebt hast, Zeitungsauschnitte von Harry Belafonte und Cary Grant. Der dunkle, elegante Typ hat Dir gefallen, so wie auch Emmanuel Macron oder der Zamperoni von der Tagesschau. Dein Mann war auch so ein Typ. Auf den Bilder, die es von Dir und Joachim gibt, ist Dein Blick immer ihm zugewandt. Du schaust zu ihm auf.

 

Bilder. SW-Fotos von Dir in jungen Jahren. Du warst eine schöne Frau, lange blonde Haare, schlank, groß. Ein Hingucker. Wahrscheinlich hat man früher „Flotter Feger“ zu Dir gesagt. Auf den Bildern hast Du oft ein Lachen im Gesicht, etwas kokett, immer offen. Die Männer waren sicher scharenweise hinter Dir her. Doch Du warst wählerisch, erzähltest Du mir einmal, wenn auch schnell verliebt. Dietmar, die erste Liebe Deines Lebens hast Du jung geheiratet, es hielt nur kurz. Es gibt Fotos von Dir, da siehst Du aus wie ein Model, mit großer Sonnenbrille, die Kamera in der Hand, den Blick nach unten. Du hast viel fotografiert mit Deiner analogen Canon QL19. Dias liegen in Kästen im Keller. Und der Dia-Betrachter - gibt es so etwas heute noch? Mit dem Licht werden ausgespuckt: Farbige in Afrika, exotische Pflanzen, Du und Deine Freundin Maike in Schlaghosen und mit riesigen Sonnenbrillen. Mit dem roten VW-Bus seid ihr allein durch Südafrika, ein Abenteuer.

 

Kleidung. Zwischen den Kaschmirpullovern liegt grünes und gelbes Mottenpapier, flattert entgegen. Die Wollmäntel sind unter Folie, Lavendelsäckchen hängen an den Bügeln der Mäntel. Hosenröcke hast Du wohl gemocht, und Blusen und Pyjamas, davon gibt es unzählige. Kostüme von Armani, Blusen von Louis Férraud und Tücher von Hermès, Joachim wollte Dich schmücken, hatte es geliebt, Dir schöne Stücke zu kaufen. Die Stoffe waren fein, er hatte einen Faible dafür, wie auch für klassische Musik. So seid ihr beide zu Mahler-Fans geworden, Konzerte in Stuttgart, Reisen zu den Festspielen mit Abado & Co.

 

Kunst. Nolde hast Du sehr gemocht und Klee, besonders seine Engel. Einer davon, der Weinende ist auf Deiner Todesanzeige. In eurer Wohnung gibt es keinen freien Platz mehr an den Wänden. Die meisten Bilder sind von Joachims Schwester, Eva, der Malerin. Sie hat auch Dich gemalt. Du siehst wie ein junges Mädchen aus, doch Dein Blick zeugt von Erfahrung, ist kritisch und traurig.

 

Verpackungen. Plastiktüten, Pakete, Dosen. Hermès-Briefe, Valentino-Tüten, Moschino-Kuverts. Wenn Dir eine Verpackung gefiel, hast Du sie aufgehoben, etwas daran hast Du immer witzig oder schön gefunden. Kisten voll mit Schleifen, Bändern, kleinen Schachteln, Anhängern, Glücksbringern. Wenn Du ein Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk verpackt hast, konntest Du aus dem Vollem schöpfen, für jeden das Passende finden. Aus der Zeitung hast Du Figuren, Texte ausgeschnitten und sie auf Karten geklebt. Geldgeschenke, „Kleingeld“ wie Du es genannt hast, waren nicht einfach im Umschlag: Einmal hast Du 10 Euro Scheine zwischen die Seiten eines Kalenders gelegt, für jeden Monat „Kleingeld“. Deinen Geschenken hat man es angesehen, dass Du Dir Zeit genommen hast. Mit Schere und Kleber gebastelte Wertschätzung.

 

Bücher. In jedem der drei Zimmer, außer Küche und Bad, gibt es Regale mit Büchern. Sie stehen so eng beieinander, das kein neues mehr reingepasst hätte. Fast in jedem Buch finden sich Zeitungsausschnitte über den Autor, in den Kunstbüchern liegen Postkarten der Werke zwischen den Seiten. Bücher über Komponisten, Künstler und Städte, Goethe und Schiller. Im Schlafzimmer stand eher die Belletristik, im Wohnzimmer das Hochgeistige und die Guide-Michelin-Ausgabe jeden Jahres.

 

Blumen. Keine konnte Blumen so trocknen wie Du. Osterglocken, Hortensien und – Rosen. Ein Korb voll Rosenblüten in allen Farben. Wie hast Du das gemacht, dass sie so ihre Farbe behielten? Jede Rose, die es wert war, hast Du getrocknet, überall standen Sträuße aus getrockneten Blüten, manchmal auch in durchsichtigen Plastikschachteln aufbewahrt. Freitags hast Du Dir oft frische Sträuße vom Markt geholt, Du hattest Deinen bevorzugten Stand. Joachim bekam dann auf dem Rückweg einen Rosenstrauß ans Grab. Drei Sträuße aus Ranunkeln, Fresien, oder Rosen standen immer im Wohnzimmer, so hast Du Farbe in Deinen tristen Alltag gebracht. Und Dich daran erfreut.

 

Überraschende Funde. Ein Songbuch der Beatles und ihre Abbey Road Schallplatte. Das kleine rote Buch „Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung“. Das Handarbeitsbuch der Renate Ballner mit Stickprobe, Klasse 5b und die Kunstmappe aus der 10b. Kleine Tageskalender, von 1968 - 2019 lückenlos. Dort hast Du Dir Deine Termine und Geburtstage notiert, was zu erledigen war. In den letzten Jahren wer Dich wann angerufen hat, manchmal steht sogar wie lange Du telefoniert hast. Die Anrufe kamen von Deinen Freundinnen, Deiner Nichte aus Bad Salzungen, den ehemaligen Kolleginnen von der Allianz.

Der Bücherwurm. Ihn hast Du nicht entdeckt, Du, die so peinlich genau auf Sauberkeit und Ordnung achtete. Die Larven saßen auf den offenen Buchseiten der gebundenen Bücher, Du konntest sie nicht sehen. Und doch wäre Dir das peinlich gewesen.

 

Bewahren. Deine Freundinnen Maike und Anne, Helma und Marlen haben jede ihre Schachtel, jeden Brief hast Du von ihnen aufgehoben. Mit Maike sitzt Du oberhalb von Kapstadt auf dem Tafelberg, sie spielt Mundharmonika, Du singst, beide in den Klamotten der 70er. Gereist bist Du viel und gerne, ein hohes Regal gefüllt mit Reiseführern, Büchern und Deinen gesammelten Unterlagen. Du warst neugierig, wolltest immer alles genau wissen, hast Dir Informationen beschafft, zu jedem Reiseziel. Du wusstest Bescheid, hattest die Orientierung, wo Du auch warst. Paris war Deine Lieblingsstadt, Sylt Deine Lieblingsinsel. Bald dreißig Jahre lang seid ihr auf die Insel gefahren, jedes Jahr, Joachim und Du. Du liebtest den Norden, das Meer, hättest zu gerne nach Joachims Tod Dein Alter dort verbracht. Der Mut hat Dich verlassen, je älter Du wurdest. Die gewohnte Umgebung in der Wohnung hoch über den Dächern von Stuttgart gab Sicherheit. Da waren der CAP-Laden und die Bushaltestelle zur Fahrt in die Stadt nicht weit.

Durch den Eichenhain mit seinen uralten Bäumen bist Du zur Kirche gelaufen oder nach Sillenbuch zum Einkaufen. Deine bevorzugte Bank zwischen den alten Eichen, Du hast sie Dir ausgesucht, weil sie abseits vom Weg lag. Dort hast Du gesessen und den Vögeln zugehört. Den Kontakt zu Menschen hast Du dort nicht gesucht, aber im Haus kannte Dich fast jeder.

 

Orientierung. Mindestens eine Uhr und einen Kalender hast Du in jeden Raum. Du wolltest immer wissen wie spät es ist, welcher Tag heute ist. Deine Orientierung im Leben. Auf der Intensivstation habe ich Dir schließlich Deine kleine goldene Uhr mit dem schmalen schwarzen Lederarmband abgenommen. Für Deine letzte Reise habe ich sie Dir wieder mitgegeben.

 

Ergebnis der Spurensuche: Du warst eine Bewahrerin, von Dingen und Beziehungen.

 

Die Nacht vor der Leere. Letzte Nacht schlecht geschlafen, geträumt, dass alles schief läuft, zu spät, alles weggeschmissen, das Falsche, eine aufgeregte kreischende Nachbarin und eine hilflos Kaffee kochende Mutter stehen im Weg. Schrecklich, Herzklopfen, Druck im Kopf, Kreislauf nach dem Aufwachen. Es ist so warm, die Balkontür muss auf: Kalte Luft kommt entgegen, es ist laut, Autos fahren über nasse Straßen. Das Gesicht im Spiegel sieht alt aus. Und doch das Gefühl – Ihr könnt nichts mehr finden, alles ist gerettet, tagelang, wochenlang, seit über einem Monat geht das schon so. Die Angst etwas Wichtiges zu übersehen ist ständiger Begleiter. Das Retten und Bewahren wird zur Obsession, als gäbe es nichts Wichtigeres und Anderes. Und doch macht das Angst - was kommt danach? Leere? Loch? Sinnlosigkeit?. Es ist eine Aufgabe, die erfüllt werden muss.

 

Ausräumen. Kartons mit der Aufschrift: „Schmidt nimmt’s mit!“ Geräusche, Scheppern, Klirren, Rascheln, Gemurmel der Polen. Vier Stück sind angerückt mit Kartons, Tüten, packen alles rein. In der Wohnung haben sie das Fenster aufgemacht, damit der Zigarettenrauch abzieht. Es hallt im Flur, die Türen stehen offen. Alles wie erwartet, achtloses Reinwerfen, ab und zu wird geschaut, ob da noch was zu verwerten ist. Briefumschläge werden aufgerissen, sie sind routiniert, haben sicher schon oft Geld gefunden...und wer weiß was noch. Die Regale sind schon leer, das Schrankgerüst steht da, blickt ins Leere. Kein Leben spielt sich mehr ab, ohne den Mensch wird der Raum zur neutralen Hülle.

 

Immer noch tauchen in den Taschen meiner Mäntel Dinge von Dir auf. Ein Taschentuch, eine Kastanie. Erinnerungen.


nichts

Das Nichts passieren lassen.

Wie ist es, wenn nichts passiert, wenn die Zeit ohne Zutun verstreicht? Eine Mücke krabbelt am Fenster hoch, die Wolken ziehen weiter, verändern Form und Farbe, ganz langsam. Krähen fliegen vorbei, schnell, in unterschiedlicher Formation. Tannenzweige werden vom Wind bewegt.

 

Da wo anscheinend nichts passiert, passiert ganz viel.

 

Immer muss etwas passieren, muss die Zeit angefüllt sein, bis zur letzten Minute genutzt.

 

Wird sie dann vielleicht nur aus-genutzt, die kostbare Zeit?

 

Zu viele Dinge, zu viele Möglichkeiten, zu viele Entscheidungen. Angst, etwas von dem Vielen zu verpassen. Das Einfache geht darin unter, wird nicht wahrgenommen. Die Zeit mit Beobachten, Hören, Fühlen anfüllen, mit etwas, was schon immer da ist, nur gesehen werden will.

 

Die Zeit verliert an Wert, wenn sie mit Zuviel gefüllt wird.

 

Wo kommt es her, das ständige Gefühl, nicht alles erlebt, nicht alles mitgenommen zu haben? Das ständige Überbieten von Ereignissen, Erlebnissen. Kaum ist eines gewesen, muss schon das nächste kommen und es muss besser sein, besser als das gewesene.

 

Die Wärme unter der Decke, das Kribbeln in den Füßen, die Haare, die an den Schultern kitzeln. Die Ruhe, das Klicken der Tastatur. Ein Auto fährt vorbei. Das regelmäßige Atmen des Mannes, die Wärme der Hand auf dem eigenen Bein. Regentropfen am Fenster. Die Zeit verstreicht.

 

Es wird dunkel.

 

heimat

Heimat. Was ist das, die Heimat? Ist dieses Wort an Menschen, Orte oder Gefühle gebunden? Lässt es sich überhaupt in Worte fassen?

Ein Versuch.

 

Am Ende meines zweiten Nomadenjahres habe ich einen Stopp in meiner Geburtsstadt Hannover eingelegt. Vielleicht um dem Heimatgefühl nachzuspüren, vielleicht aber auch nur, um zu schauen, wie es jetzt dort aussieht. Als ich vor dem Haus meiner Oma in der Manekestraße stehe, wird mir plötzlich bewusst, was schon lange klar war: Hier ist meine Heimat. Mit diesem Ort verbinde ich meine schönsten Kindheitserinnerungen. Die Tüte Gummibärchen auf dem Kopfkissen, wenn ich in den Sommerferien zu ihr kam, die zwei Klappräder, eines weiß, eines gelb, mit denen meine Oma und ich ins Freibad radelten, die Käsestangen zum Frühstück vom Bäcker Piper an der Ecke, den Kochfisch mit Senfsoße am Sonntag mittag. Jedes Mal, wenn ich irgendwo auf der Welt Tauben gurren höre, muss ich daran denken, wie ich von meinem Fenster aus die gurrenden Tauben in der Tanne beobachtet habe. Jede Ferien waren wir bei der Oma, oft vier Mal im Jahr. Das waren die glücklichsten Zeiten meiner Kindheit. Für mich trifft alles drei zu: Heimat ist ein Ort,  ein Mensch und ein Gefühl, aber vor allem unvergessliche Kindheitserinnerungen.

menschen

Wie wohnen Menschen? Warum leben sie in Hochhäusern, Zelten oder Bauwagen?

 

Heike Pallokat hat sich für ein Leben im Bauwagen entscheiden. Nein, nicht entschieden, denn der blaue Wagen hat sie gefunden. Die acht Meter lange Behausung mit den hellblauen Fensterläden war einst eine Datscha und ein zweites Zuhause für ein älteres Ehepaar. Bei der Übergabe haben alle geweint.  Für Heike ist die Natur eine Mutter und dieses unmittelbare Leben in und mit ihr so wichtig für sie. Strom hat sie, einen Holzofen und eine Waschgelegenheit. Alles was sie braucht. Im Sommer verlegt sie die Küche nach draußen. Sie riecht die Elbe und nimmt die Jahreszeiten wahr. Sie tanzt und spielt Theater, liebt ihre Söhne, ihren Hund und das freie Leben. Jeden Morgen springt sie auf dem Trampolin bevor sie in ihren kleinen Fischladen nach Hitzacker fährt.

zuviel

Alles zu viel. Wir haben alles, und wenn wir etwas nicht haben, können wir es sofort und schnell besorgen, Dinge wie Beziehungen.

 

Wir kommen uns selbst nicht mehr hinterher, unsere Finger greifen nach dem vielen Möglichen und haben dann doch nichts in der Hand. Unsere Zeit wird immer knapper, weil wir uns zustopfen mit dem, was wir meinen mitnehmen zu müssen. Nur nichts verpassen. Auf gar keinen Fall. Dann dafür lieber wieder die Achtsamkeit erlernen, in Kursen, welche uns die Zeit noch ein weiteres Mal stehlen.

Wir nähren uns im Überfluss, schaffen Vorräte und schmeißen sie dann in den Müll. Und müssen uns dann das Zuviel wieder mühsam abtrainieren. 

Wir lesen viel und behalten nichts, pflegen unsere Freundschaften und Lieben per Whatsapp und Facebook so intensiv wie noch nie. Und sind doch mehr denn je auf unserer Insel allein.


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Kommentare: 5
  • #1

    Steve (Mittwoch, 24 April 2019 02:34)

    letzter Absatz.....Alleine sein, oder sich einsam fühlen – ein erheblicher Unterschied.
    Was ist darauf die Antwort?

  • #2

    jeanne (Mittwoch, 24 April 2019 10:18)

    Allein sein kann man auch unter Menschen, einsam sein nur allein.

  • #3

    Steve (Mittwoch, 24 April 2019 15:35)

    ....kann es nicht auch genau umgekehrt sein?

    Alleine kann man sich auch selbst genügen und dabei glücklich sein, falls nicht, entsteht die Einsamkeit.

  • #4

    Anne B. (Dienstag, 07 Mai 2019 21:10)

    Gedankensturm ist so feinsinnig und ich denke darüber nach, was mich ausmacht, was bleibt und wie das, was mich umgibt mich täglich beeinflusst und ausmacht, welche Bedeutung hat das was bleibt für die, die da sind, wenn ich weg bin.

  • #5

    GAP (Dienstag, 07 Mai 2019 22:29)

    Was für eine berührende Geschichte in der ich mich in Teilen wiederfinde ....
    Leipzig ist Geschichte Jeanne, habe einen total Cut hingelegt, meine neue Basis ist Aschaffenburg und im Moment befinde ich mich gerade auf Rügen ...alles im Fluss und noch kein Neuland in Sicht � stay tuned