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Belgien

Neutral-Moresnet: Ein staatenloses, neutrales Gebiet auf einem Streifen von 3,44 Quadrat-kilometer. Über einhundert Jahre lang war das so. Im Jahr 1816 können sich Preußen und die Niederlande nicht einigen, wo sie die Grenze ziehen sollen. Der Auslöser der Streitigkeiten ist eine profitable Zinkgrube in diesem Gebiet: Jeder will vom Kuchen etwas abhaben, keiner gibt nach. Zum Schluss bleibt ein Tortenstück Land übrig, wird als neutral erklärt und von beiden verwaltet. Von 1816 bis 1919 werden hier kaum Steuern gezahlt und, weil man sich nicht einigen kann, bleiben die veralteten napoleonischen Gesetze unverändert in Kraft. In dieser Zeit gibt es weder Schul- oder Wehrpflicht noch Gerichte. Das macht dieses Gebiet nicht nur zu einem idealen Versteck für Verbrecher, auch Frauen aus Deutschland flüchten hierher, um ihr uneheliches Kind in Anonymität zu gebären: Wenn es in Moresnet auf die Welt kommt, hat es die Staatsangehörigkeit „Neutraler“ im Pass stehen.

Das Theater der Deutschsprachigen Gemeinschaft liegt in St. Vith, im Süden Ostbelgiens. Kurt Pothen ist künstlerischer Leiter des „Agora“, welches seine Stücke in deutscher und französischer Sprache aufführt.

In T-Shirt und Jeans sieht er weniger offiziell aus als auf der Internetseite des freien Tournéetheaters. Über dreißig Jahre wirkt er schon bei „Agora“ mit. Er ist hier geboren, keine 20 Kilometer weg von St. Vith. Sein Vater war Bauer, „eine klassische ostbelgische Familie“ sind sie damals. „Bis die Grenzen geöffnet wurden und auch danach, waren es wirklich Grenzen“, meint er. Drei Kilometer vom nächsten deutschen Ort entfernt hat er gewohnt und „da war null Kontakt“. Er dreht sich eine Zigarette, raucht, ein kurzes Luftholen auf der Bank in der Sonne, bevor der Trubel für ihn losgeht. Hinter ihm im „Kulturzentrum Triangel“ werden Vorhänge aufgehängt und letzte Einstellungen geprobt: Heute Abend beginnen die Theatertage des „Agora“ mit dem Motto „In welcher Welt möchte ich leben?“ Pothen lebt inzwischen mit seiner Familie in Köln, doch er denkt nicht, dass Deutschland näher gerückt ist: „Ich glaube nicht, dass es sich heute wesentlich verändert hat, die Orientierung ist immer noch nach Osten, nach Belgien“

 


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